Die Gefrorene Wand

Versteckt im hintersten Tal, dort wo heut das Spannagelhaus steht, lag einst die größte Alm des Tuxertals. Wenn die Almer ihre Kühe melkten, floss Milch so dick wie Rahm aus deren Eutern. Dazumal musste im Tuxertal niemand Hungern und auch weit hinaus bis ins Zillertal wurden die Menschen mit Butter, Käse und Milch verköstigt. Eines Sonntags gerade als die Kirchglocken zur Heiligen Messe läuteten lagen die Almer faul auf Ihren Strohbetten und gähnten vor sich hin, anstatt im Dörflein zu sein und dem lieben Herrgott für seine Güte zu danken. „Was brauchn mir in die Kirche gian“, sagte ein ganz Gottloser, „wo miar det genuag z’essn haben.“ Schallendes Gelächter ertönte von der Alm bis ins Dorf. Doch zwei Melcher besannen sich früh genug und liefen, so schnell sie konnten Richtung Kirche um der Heiligen Messe beizuwohnen. Die Gotteslästernden Almer riefen Ihnen höhnet nach: „Betbrüadr, Betbrüadr!“ danach standen Sie auf von ihren Strohbetten und fingen mit teuflischen Übermut an, die großen fetten Butterkugeln herumzuschießen. 

Jauchzent und mit gottverlassener Freude warfen Sie die Butterkugeln über die saftig grünen Wiesen, bis diese an den Bäumen zerplatzten. Als das Spiel mit der Zeit zu langweilig wurde begannen sie zu allem Übel die Butterkugeln ins Dorf hinunter zu rollen. Genau auf das unscheinbare Kirchlein zielten die verwöhnten Almer. Als die erste Kugel die Tür der Kirche traf, erschallte ein furchteinflößender Donner. Ein Blitz nach dem anderen schlug auf den Boden ein und die schwarzen Wolken, welche nun die Alm einhüllten, verhießen nichts Gutes für die Almer. Erst viel der Regen, dann der Schnee und danach erstarte das gesamte Leben auf der Alm zu gefrorenem Eis. Als es nach drei Tagen endlich zu schneien aufhörte war die gesamte Alm verschwunden und wo einst das saftige grün bis ins Dorf leuchtete lag eine Meterhohe weiße Schneedecke welche unter sich die frevlischen Almer begraben hatte. Der Berg war erstarrt und wurde von nun an „Gfrorene Wand“ genannt.

Der Tuxer Riese

Man sprach in den alten Zeiten von den „wilden Fräulein“ welche das Tuxertal vor Unwetter, Bränden oder anderen Katastrophen beschützten. zu ihren guten Taten gehörte auch die Zauberei mit der sie z.B. den Bauern die Arbeit mit Vieh und Hof erleichterten. Eines Tages stampfte ein riesiger Riese, welcher in Südtirol vertrieben wurde über das Tuxer Joch und versetzte die armen Dorfbewohner in Angst und Schrecken. Der Riese hatte scharfe Augen und sobald einer der Dorfbewohner hinauf in die Berge zu den „wilden Fräulein“ laufen wollte um diese um Rat und Hilfe zu bitten war er schon zur stelle und bestrafte den hilfesuchenden schrecklich. Die Dorfbewohner mussten alle Steine im Tal zusammentragen um den großen Riesen sein Schloss bauen zu können und ihn mit ihrem hart erarbeiteten Brot und Lebensmitteln füttern, für die Dorfbewohner selbst blieb da nicht mehr viel über. Aber als dann eines Tages ein paar junge wackere Burschen Richtung gefrorener Wand aufstiegen um dort die großen Felsbrocken zu holen, trafen sie die „wilden Fräulein“, vor Erleichterung vielen Sie weinend vor den „wilden Fräulein in die Knie und flehten diese an doch den schrecklichen Riesen aus dem Tuxertal wieder zu verjagen. Die Fräulein versprachen den Burschen ihre Hilfe und sagten: „Tragt alle Blöcke zusammen, wie befohlen“ dann verschwanden die Fräulein wieder. Einige Tage später, als der Riese bereits begonnen hatte die Blöcke aufeinanderzustellen, brach ein gewaltiges Unwetter los. Es blitzte und donnerte und ein gewaltiger Sturm warf die Blöcke in alle Himmelsrichtungen auseinander. Der böse Riese fluchte, dass man es bis nach Zell und über die Berge nach Schmirn hören konnte. Am nächsten Tage begann er wieder mit seinem Aufbau und abermals schickten die „Wilden Fräulein“ einen Sturm der sein Werk zerstörte. Vor Zorn bebend schwor der Riese den kleinen Fräulein Rache, er stellte sich auf den höchsten Felsen und spähte ringsum, ob er sie nirgends fände. Da entdeckte er sie in der Gefrorenen Wand, wo sie von einem Felsloch zu  ihm herausschauten. Er brüllte vor Wut, streckte seine mächtigen Pranken aus und kratzte über die Wand herunter. Schnell schlüpften die „Wilden Fräulein“ in ihre Höhle, die Eiswand aber hat seither zahlreiche Risse und Sprünge in ihrem Gesicht. Als der Riese endlich einsah, dass er wieder den kürzeren gezogen hatte, beschloss er, das Tal zu verlassen und stapfte mit lauten, zornigen Schritten über das Joch zurück. Und der Wanderer, der heute nach Hintertux kommt, kann immer noch die Riesentritte in den Felsen sehen.

(Aus: „Schlern-Schriften“, Brauchtum und Mundart im Zillertal von Erich Hupfauf)

Die Sage von der Frauenwand

Einst gehörte Hintertux noch zur Gemeinde Schmirn, damals war das hintere Schmirntal noch vom kleinen Kaserer herab mit Eis und Schnee bedeckt. Den Leuten viel es schwer, den Weg zum Tuxer Joch zu finden. Im Spätherbst ergab es sich, dass eine Hintertuxerin, welche die Sommersaison über in Matrei am Brenner als Magd gearbeitet hatte über das Tuxer Joch in  ihr Heimattal wollte. Noch vor dem ersten Hahnenschrei machte das Mädchen sich auf den Weg nach Schmirn. Da ein dichter Nebel im Tal lag und man kaum die Hand vor Augen sehen konnte kehrte die Magd bei einer Verwandten in Schmirn ein, as und Plauschte etwas. Als der Nebel immer höher stieg und es noch finsterer als am Vormittag wurde, erzählten die Verwanden der Magd das in der Nähe der Schmirner Wand, einige Frauen hausen sollen welche man im Sommer öfters gesehen hatte, allerdings wusste niemand etwas Genaueres über sie. Man erzählte Gutes sowie auch Böses von den Frauen, alle hatten aber großen Respekt vor ihnen. Am Nachmittag machte sich die Magd wieder auf den Weg, um noch über das Tuxer Joch zu kommen. Ohne Schwierigkeiten fand die Magd den Weg ins Tal, aber die Abzweigung zum Tuxer Joch verfehlte sie bei dem dichten Nebels. Lange Zeit irrte Sie umher und bekam es mit der Angst zu tun. Als es anfing zu regnen und in den Höhen schneite war die Magd bereits todmüde. Dann lichtete der Nebel  sich für eine kurze Zeit und sie  erblickte einen großen Stein, nun wusste die Magd dass sie vor der Schmirner Wand stand und bemerkte zum ersten Mal die Umrisse einer Person. Zögernd ging die Magd auf den Schatten zu. Wie glücklich sie war, als es eine alte Frau sah. Die Magd grüßte höflich und bat die alte Frau um eine Ruhestätte. Die Frau nickte nur, deshalb setzte sich die Magd und nahm ihr Bündel mit den  wenigen Habseligkeiten, etwas Brot und dem Lohn für die Arbeit in die Hand. Traurig erzählte die alte Frau, dass sie in Schmirn um Brot gebeten hätte. Als sie aber nicht zahlen konnte, wurde sie überall weggeschickt. Sie bat die Magd um ein kleines Stück Brot. Ohne zu zögern teilte sie mit der Armen Frau und entschuldigte sich, dass es nicht von selber etwas abgegeben hatte. Stillschweigend aß die alte Frau und als sie fertig war, brachen sie auf. Die Magd ging ihr nach und beide stiegen höher und höher, nach geraumer Zeit kamen sie auf das Plateau des Tuxer Jochs. Die alte Frau ging unbeirrt durch den schuhtiefen Schnee, bis zum „Gatterlegg“. Der Nebel hatte sich gelichtet  und in der Niederung konnte man die spärlichen Lichter von Hintertux sehen. Voller Freude fiel die Magd der alten Frau um den Hals und bedankte sich für die Rettung. Plötzlich merkte die Magd, dass es ihr Bündel am Rastplatz vergessen hatte. Die Alte tröstete sie: „Mach dir keine Sorgen, niemand wird dich schelten.“ Trotzdem hatte die Magd Angst, was wohl ihr Vater sagen würde. Wovon sollte die Familie den Winter über leben? Trotzdem machte sie sich auf den Weg nach Hintertux. Da es schon Abend wurde, beeilte sie sich und kam spät abends in ihrem Elternhaus an, wo sie herzlich begrüßt wurde. Von der Müdigkeit übermannt schlief sie noch am Stubentisch ein. In der Nacht setzte der Föhn ein – zuerst nur zaghaft, dann immer stärker, bis er nach Mitternacht zum Sturm anwuchs. Der starke Wind vertrieb alle Novemberwolken, und der heran brechende Tag versprach einen wunderschönen Spätherbst, der Föhn aber wehte immer noch. In den Höhen schmolz der Schnee und die Wege wurden wieder trocken. Zwei Tage nach der Heimkehr waren die meisten Hintertuxer mit dem Reparieren der Dächer beschäftigt welche der Wind arg zerzaust hatte. Die ersten Vorsorgen für den bevorstehenden Winter mussten getroffen werden. Der „Batzner“, wohin die Magd gehörte, schickte seine ältesten Buben hinauf zum Leitenstall, sie sollten prüfen, ob beim Dach alles in Ordnung ist. Nach einigen Ausbesserungsarbeiten war das Dach wieder in Ordnung, die Buben sperrten den Stall zu und wollten ins Dorf zurückzugehen. Oberhalb von Hintertux begegneten die Buben ein paar gut gekleideten Frauen, sie sahen aus, als ob sie von adeligem Stand wären. Eine von den Frauen trug ein großes Pack. Als die Buben  vorbei wollten fragte eine der Frauen: „Wo finden wir in Hintertux den Batzenbauern?“ Die Buben erwiderten: „Geht mit, wir zeigen euch den Weg.“ Gemeinsam gingen sie das letzte Stück bis ins Dorf. Die Mutter und die Magd waren mit dem anrichten des bescheidenen Mittagessens beschäftigt, als die drei Frauen mit den Buben in die Küche kamen. Gerade traf der Vater ein und betrachtete die drei noblen Damen als er fragte, was sie wünschten, sagte eine von ihnen: „Wir suchen den Batzenbauern.“ „Der bin ich“, antwortete der Mann. Die Frau sprach weiter: „Deine Tochter war vergangenen Sommer in Mühlbach bei Matrei beim Brennerbauern im Dienst!“ Der Bauer bejahte und meinte: „Ihr habt einen langen Weg hinter euch und seid bestimmt hungrig, wir haben nur ein bescheidenes Mahl, aber ich würde euch bitten, mit uns zu essen. Als alle Kinder da waren, machte man das Kreuzzeichen und setzte sich zu Tisch. Zuerst schöpfte die Mutter schöpfte den Damen, dann dem Vater und den Kindern aus einer großen Schüssel, welche mit Milchsuppe gefüllt war. Man aß stillschweigend und als alle fertig waren, ging der Bauer mit den drei Damen in die Stube. Eine legte ein großes Pack auf den Tisch. Der Bauer fragte ob sie Angehörige des Grafen von Matrei seien und warum sie zu so später Jahreszeit noch über das Joch gegangen waren.. „Guter Mann“, erwiderte eine der Frauen, „uns kann kein Wetter, kein Schnee und kein Wind etwas anhaben. Ruf uns deine Tochter!“ Die Dirn kam sofort in die Stube und die Frauen begannen das Bündel zu öffnen. Ganz erstaunt war das Mädchen, als alle ihre Habseligkeiten darin waren. Noch dazu wurde ein Ballen Loden, ein Wirktuch und noch weitere nützliche Dinge auf den Tisch gelegt. Der Vater brachte vor Verwunderung kein Wort mehr heraus, dann endlich stammelte er: „Womit habe ich das verdient?“ Eine der Frauen antwortete: „Du nicht, Bauer, sondern deine Tochter hat sich das verdient. Deine Tochter gab mir von ihrem Brot und zeigte Dankbarkeit, als ich sie im Nebel über das Joch brachte. Sie ist ein gutes Kind. Sie reichten der Dirn ein Goldstück und mahnten: „Sei sparsam damit!“ Die Brüder wollten wissen wo die Damen hingehörten und versteckten sich in einer Mulde. Es dauerte nicht lange, und die Damen kamen über den Jochboden geschwebt. Der Jochwind trug ihr Gespräch herüber, sodass die Buben alles verstehen konnten. Eine Frau meinte: Wenn jemand gut zu uns ist, soll ihm kein Leid geschehen!“ Auf einmal waren die Frauen ihren Blicken entschwunden. Die Brüder schlichen an den Rand des Jochgrates und sahen sie am Fuß des Schmirner Schrofens verschwinden. Sofort eilten sie nach Hause und berichteten, was sie beobachtet hatten. Von da an hörte man immer mehr von Wanderern die auf wundersame Weise aus Bergnot gerettet worden seien, verirrte Tiere welche auf unerklärliche Weise wieder gefunden wurden und immer sei eine Frau im Spiel gewesen, die im Schmirner Schrofen verschwand. Von dieser Zeit an nannte man den Schmirner Schorfen die „Frauenwand“.


(Erzählt von Hebamme Anna Wechselberger vulgo Krummer Andl)